Al-Qur`an

Sunday, April 28, 2013

Reisen


Trauerspiel auf Sulawesi
Auf Indonesiens viertgrößter Insel sind ausgerechnet Totenfeiern größte touristische Attraktion. Ein Besuch beim Bergvolk der Toraja.

Wir nehmen einmal an, dass Puang Martha Tangkelembang ein gutes Leben hatte. Elf Kinder hat die 82-Jährige hinterlassen, als sie 2010 in Mengkendek starb. Sie war die zweite Frau von Puang Kendek Kapala, einem angesehenen Adligen, der bereits Jahre zuvor seiner zweiten Frau vorausgereist war ins Land der Toten. Heute lebt noch seine erste Frau, es ist die Schwester der Toten. Puang Kendek hatte einfach beide Schwestern geehelicht, ohne Scheidung."Das wäre bei Muslimen verboten", sagt Eman Suherman, unser Reiseführer.
Aber das Volk der Toraja interessiert das nicht. Denn auch wenn wir uns in Indonesien befinden, dem größten muslimischen Land der Erde- bei dem Bergvolk im Süden von Sulawesi haben die holländischen Missionare Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet. Etwa die Hälfte der 600.000 Toraja ist heute christianisiert, die andere Hälftehat den neuen Glauben mit der alten, stark animistisch geprägten Naturreligion Aluk Todolo verbunden. Und pflegt bis heute eine Mischform. Und genau deshalb sind wir erst heute bei der Totenfeier für Puang Martha Tangkelembang. Denn die Tote wurde nicht innerhalb weniger Tage bestattet, wie es der christliche Glaube vorsieht. Sie wurde zwei Jahre lang im Haus aufbewahrt, einbalsamiert natürlich, und hat auf diese Weise ihre Verwandten mit ihrer puren Anwesenheit beglückt und die Geister-böse wie gute-zufriedengestellt.
Bei der Beerdigung nun, die wir in dem kleinen Örtchen Mengkendek südlich von Makale, Hauptstadt der Region Tanah Toraja, und Rantepao, dem Touristenzentrum der Gegend, besuchen, wird die Verstorbene sehr feierlich, sehr ausgiebig und sehr fröhlich auf dem Weg ins Jenseits begleitet. Es ist ein Touristenereignis und ganz und gar nicht pietätlos. Im gegenteil, für die Indonesier ist es eine Ehre, wenn Fremde ihre Familienfeier beehren. Japanische Besucher stellen Kamerastative auf oder zücken ihr iPad; holländische Gäste mit Shorts und Sandalen und junge deutsche Studenten mit Kameras und Handys drängen sich vor dem Haus der Toten.
Einzige Bedingung für die Besucher: Es ziemt sich, ein Geschenk mitzubringen. Für gewöhnlich eine Stange Zigaretten, die in eine schwarze Tüte verpackt wird."Turut berduka cita", sagen wir zur ältesten Tochter der Toten,"herzliches Beileid", und überreichen unser bescheidenes Geschenk-"Terima Kasih" antwortet diese mit einem Lächeln, "Danke schön", und bittet zu Kaffee und Keksen.
Es ist der erste Tag einer ganzen Feierwoche, in der Verwandte, Nachbarn und Freunde Opfergaben bringen, fleißig essen und reichlich Reiswein konsumieren, die Totenfeier ist schließlich das höchste Fest der Toraja. Hier manifestiert sich das Ansehen einer adligen Familie, es geht um Prestige und um Wohlstand und die ewige Präsenz des Todes im Angesicht des Lebens. Viele Besucher und viele Opfertiere bekräftigen die soziale Stellung der Verstorbenen, und Puang Martha Tangkelembang steht im sozialen System ihres Volkes als Nenelai, als Adlige, ganz oben. Wer ihre Lebensleistung erfahren will, der ist bei dieser Totenfeier genau richtig.
Denn mittlerweile hat der Mabadung begonnen, ein ritueller Rundtanz. Etwa 50 Männer fassen sich an den Händen, gehen zwei, drei Schritte nach links, werfen die Arme hoch- und singen. Sie erzählen die Geschichte  von Puang Martha, es ist der Bericht eines guten Lebens. Dann tritt Heber auf, der katholische Pfarrer, und er appelliert an zwei Götter: an Puang Matua, höchste Gottheit im Pantheon der Toraja, und- die Bibel vor Augen- an den christlichen Gott.
Dann wird es hektisch. Der prächtig geschmückte Sarg wird feierlich zu einer Sänfte getragen, die von 20 jungen Männern hochgehoben wird. Fotoapparate klicken, Kameras surren. An der Sänfte ist eine 20 Meter lange rote Schärpe befestigt, die von Frauen an der Spitze der nun folgenden Prozession vorangetragen wird. Wer nun denkt, dass dies ein stiller Trauerzug wird, täuscht sich: Die meist sehr jungen Träger treten gegen- und stürzen übereinander und johlen, als seien sie auf dem Fußballplatz. Unter lautem Geschrei wird die Sänfte emporgehoben, ein paar Meter getragen und dabei auf-und niederbewegt. Dann wird sie wenige Meter in hohem Tempo getragen, bevor der Trägertrupp abrupt stoppt, und die Sänfte absetzt- bis dieses Spiel des ewigen Wechsels von Tragetempo und Tragehöhe von Neuem beginnt. Dieser Zickzackkurs soll böse Geister verwirren und von dem Leichnam fernhalten. So wird die Sänfte auf dem einen Kilometer langen Weg zum Festplatz transportiert.
Das Gejohle nimmt kein Ende, bis der Sarg auf eine Empore hochgetragen wird, wo er für alle sichtbar die nächsten Tage stehen wird. Zwei Büffel werden geschlachtet, andere Tiere treten zum Kampf gegeneinander an, es gibt reichlich Reiswein und ausgelassenste Stimmung. Der Tod ist bei den Toraja der Höhepunkt des Lebens, und der muss gebührend gefeiert werden.
Der Besuch einer solchen Totenfeier ist wiederum ein Höhepunkt für jeden Touristen, den es in diese abgelegene indonesische Gegend verschlägt. 300 Deutsche finden sich monatlich auf Sulawesi ein, das sich wie eine fünfarmige Krake nordöstlich von Java erstreckt und neben Kulturtouristen im Süden vor allem Taucher in die Inselwelt im Norden bei Manado anzieht. 2012 besuchten 59 Prozent der 153.000 deutschen Gäste in Indonesien Bali und 25 Prozent Djakarta. Sulawesi gehört zu den exotischeren Zielen des Archipels, und wer die fröhliche Trauerfeier für Puang Martha Tangkelembang erlebt hat, wird das bestätigen können.

Ein video zum Trauerfeierkult finden Sie unter www.welt.de/sulawesi

Tipps und Informationen

Anreise Zum Beispiel mit Singapore Airlines (singaporeair.de) via Singapur nach Jakarta. Weiter mit Garuda (garuda-indonesia.com) nach Makassar

Angebote Marco Polo Reisen (www.marco-polo-reisen.com) bietet eine 20-Tage-Tour auf indonesische Inseln inkl.Sulawesi ab 4199 Euro an. Vier Tage Sulawesi ab Südbali bei Dertour (www.dertour.de) kosten ab 945 Euro

Auskunft Visit Indonesia, Tel.089/590 439 04, tourismus-indonesien.de

Quelle: Welt Am Sonntag, 6/7 April 2013

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